Oktober 4

Die Shoden-Stufen im Hikkei: Praxis, Technik und Kultivierung des Geistes

Die Shoden-Stufen im historischen Hikkei

Das Reiki Ryōhō Hikkei beschreibt Shoden als den grundlegenden Bereich der Ausbildung. Dabei finde ich es wichtig, nicht einfach unseren heutigen Begriff von Ausbildung auf die damalige Zeit zu übertragen.

Das Hikkei ist kein Lehrbuch, in dem für jedes Ausbildungsjahr oder jede Stufe genau festgelegt ist, was wann gelernt werden muss. Auch die einzelnen Übungen lassen sich heute nicht mehr vollständig und sicher den jeweiligen Graden zuordnen.

Was sich aber erkennen lässt, ist eine andere Vorstellung von Entwicklung.

Reiki Ryōhō war nicht darauf ausgerichtet, möglichst schnell eine bestimmte Anzahl von Techniken zu lernen und anschließend die nächste Stufe zu erhalten. Es ging um Übung, Erfahrung, Wahrnehmung und die Entwicklung von Geist und Körper.

Und genau an diesem Punkt beginnt für mich die Frage, was von diesem ursprünglichen Gedanken in vielen heutigen Reiki-Ausbildungen noch übrig geblieben ist.

Die vier Shoden-Stufen

In der frühen Überlieferung finden sich für Shoden die Bezeichnungen:

Roku-tō – 六等
Go-tō – 五等
Yon-tō – 四等
San-tō – 三等

Darauf folgen Ni-tō und Ichi-tō im Okuden und schließlich Shinpiden.

Die vier Shoden-Stufen sind also historisch überliefert. Was wir allerdings nicht besitzen, ist ein vollständig erhaltenes Curriculum, aus dem wir eindeutig ablesen können, welche Technik genau auf welcher dieser vier Stufen vermittelt wurde.

Das sollte man meiner Meinung nach auch so benennen.

Zu oft werden heutige Ausbildungsstrukturen rückwirkend als historische Tatsache dargestellt. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, Usui habe genau so gelehrt, wie manche Reiki-Schulen heute ihre vier Stufen des ersten Grades aufbauen.

Dafür haben wir keine ausreichende Quelle.

Was am Anfang steht

Wenn ich das Hikkei lese, fällt mir etwas anderes auf.

Am Anfang steht nicht die Technik.

Am Anfang steht der Mensch.

Das Hikkei spricht von der Entwicklung von Geist und Körper und sagt an einer entscheidenden Stelle sinngemäß:

„Zuerst sollte der Geist geheilt werden, und danach der Körper.“

Für mich ist das keine nebensächliche Bemerkung.

Es beschreibt eine Grundrichtung.

Reiki Ryōhō beginnt damit, dass der Mensch sich selbst begegnet. Mit seiner Haltung, seinem Geist, seiner Wahrnehmung und seinem Umgang mit dem eigenen Leben.

Erst daraus bekommt auch die körperliche Praxis ihren Platz.

Die Übungen des Shoden

Zur frühen Reiki-Praxis gehören verschiedene Formen wie Gasshō, Joshin Kokyū-hō, Hatsurei-hō, Reiji-hō, Byōsen und die praktische Behandlung.

Nicht jede dieser Übungen lässt sich heute sicher einem einzelnen Shoden-Grad zuordnen. Aber gemeinsam zeigen sie etwas über die Art des Weges.

Gasshō sammelt die Aufmerksamkeit.

Atemübungen führen nach innen.

Hatsurei-hō verbindet Körper, Atem und Geist.

Reiji-hō richtet die Wahrnehmung auf die Behandlung.

Byōsen und die Behandlung selbst bringen den Übenden in unmittelbaren Kontakt mit dem, was er wahrnimmt.

Das sind für mich keine voneinander getrennten „Tools“.

Sie bilden einen Weg.

Und dieser Weg kann nicht allein dadurch entstehen, dass man die einzelnen Übungen einmal gezeigt bekommt.

Lernen bedeutet nicht, es einmal gezeigt bekommen zu haben

Hier beginnt meine persönliche Kritik an vielen heutigen Reiki-Ausbildungen.

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass Reiki heute häufig auf ein Wochenende oder gar Onlinevideo reduziert wird.

Ein Wochenende, ein paar Techniken, vielleicht einige Handpositionen, ein Reiju oder eine Einweihung, ein Zertifikat – und anschließend gilt die nächste Stufe als erreicht.

Meiner Meinung nach wird damit etwas Wesentliches von Reiki verkürzt.

Nicht weil ein Wochenendseminar grundsätzlich schlecht wäre.

Man kann an einem Wochenende sehr viel erfahren.

Aber man kann meiner Meinung nach nicht innerhalb von zwei Tagen einen Erfahrungsweg durchlaufen, der eigentlich von Wiederholung, Beobachtung und persönlicher Entwicklung lebt.

Man kann eine Übung zeigen.

Aber man kann die Erfahrung, die aus hundert Wiederholungen entsteht, nicht in zwei Stunden vermitteln.

Man kann erklären, wie sich Hände anfühlen sollen.

Aber man kann nicht erklären, was ein Mensch nach Monaten eigener Praxis tatsächlich wahrnimmt.

Man kann einen Menschen in eine Form einführen.

Aber man kann seine Entwicklung nicht beschleunigen, nur weil der Lehrplan es vorsieht.

Ein Zertifikat ist keine Erfahrung

Genau hier liegt für mich ein entscheidender Unterschied.

Ein Zertifikat kann bestätigen, dass jemand an einer Ausbildung teilgenommen hat.

Es kann bestätigen, dass bestimmte Inhalte vermittelt wurden.

Aber es sagt noch nichts darüber aus, was daraus im Menschen entstanden ist.

Hat er wirklich regelmäßig geübt?

Hat er gelernt, seinen eigenen Geist wahrzunehmen?

Kann er unterscheiden zwischen dem, was er tatsächlich wahrnimmt, und dem, was er sich nur vorstellt?

Ist er in einer Behandlung wirklich präsent?

Kann er bei einem anderen Menschen bleiben, ohne sofort etwas mit ihm machen zu müssen?

Hat sich sein eigener Umgang mit Angst, Unruhe, Ärger oder Anspannung verändert?

Für mich sind das viel wichtigere Fragen als die Frage, wie schnell jemand den nächsten Grad erreicht.

Die Stufe sollte aus der Praxis wachsen

Wenn ich mir die historische Struktur mit mehreren Stufen anschaue, dann erscheint mir der Gedanke einer Entwicklung durch Praxis wesentlich stimmiger als der heutige Gedanke eines schnellen Abschlusses.

Ein Schüler beginnt.

Er übt.

Er beobachtet.

Er macht Erfahrungen.

Er wird sicherer.

Seine Wahrnehmung verändert sich.

Er versteht die Formen zunehmend aus eigener Erfahrung und nicht mehr nur aus der Erklärung des Lehrers.

Und irgendwann ist die nächste Stufe nicht einfach nur eine weitere Sammlung von Wissen.

Sie ergibt sich aus dem, was bereits gewachsen ist.

Das ist meine Sichtweise auf die historische Struktur.

Ich behaupte damit nicht, dass Usui jeden Grad genau nach diesem heutigen Verständnis vergeben hat. Dafür reicht die Quellenlage nicht vollständig aus.

Aber für mich passt dieser Gedanke wesentlich besser zu dem, was das Hikkei über Schulung und Entwicklung von Geist und Körper vermittelt.

Was heute oft verloren geht

Meine Kritik richtet sich deshalb weniger gegen einzelne Techniken als gegen die Geschwindigkeit, mit der Reiki heute teilweise vermittelt wird.

Wenn jemand an einem Wochenende vier oder fünf Übungen lernt, kann das ein guter Anfang sein.

Wenn daraus aber unmittelbar der Eindruck entsteht, damit sei bereits eine Stufe vollständig durchlaufen, wird meiner Meinung nach der eigentliche Sinn einer Stufenentwicklung verfehlt.

Denn Wissen ist noch keine Erfahrung.

Und Erfahrung ist wiederum noch nicht automatisch Reife.

Gerade bei Reiki halte ich diesen Unterschied für entscheidend.

Ein Mensch kann sehr viel über Reiki wissen und trotzdem kaum gelernt haben, wirklich präsent zu sein.

Er kann alle Handpositionen kennen und trotzdem seine eigene Wahrnehmung kaum unterscheiden können.

Er kann Symbole zeichnen und Mantren kennen und trotzdem noch nicht verstanden haben, was es bedeutet, mit sich selbst in Beziehung zu sein.

Das ist für mich keine Kritik an Menschen, die solche Ausbildungen anbieten oder besucht haben.

Es ist eine Kritik an einer Entwicklung, in der Quantität zunehmend mit Tiefe verwechselt wird.

Shoden ist für mich kein Wochenendabschluss

Deshalb würde ich Shoden heute auch nicht als „ersten Reiki-Kurs“ verstehen.

Shoden ist für mich der Beginn einer bewussten Praxis.

Eine Zeit, in der der Mensch lernt, sich selbst wahrzunehmen.

Seinen Atem.

Seinen Körper.

Seinen Geist.

Seine Reaktionen.

Seine Haltung.

Und schließlich auch das, was er in einer Begegnung mit einem anderen Menschen wahrnimmt.

Die Techniken sind dafür notwendig.

Aber sie sind nicht das Ziel.

Sie geben dem Übenden eine Form, in der Erfahrung entstehen kann.

Und genau deshalb braucht diese Entwicklung meiner Meinung nach Zeit.

Nicht unbedingt, weil Reiki kompliziert wäre.

Sondern weil der Mensch Zeit braucht, um sich selbst zu erfahren.

Historische Quelle und meine Sichtweise

An dieser Stelle möchte ich bewusst trennen.

Historisch können wir die verschiedenen Grade und bestimmte Grundelemente der Reiki-Praxis erkennen. Wir können aber keinen vollständigen Shoden-Lehrplan aus dem Hikkei rekonstruieren.

Die Aussage, dass eine bestimmte Technik zwingend auf einer bestimmten Stufe gelehrt wurde, muss deshalb teilweise als spätere Überlieferung oder Lehrform gekennzeichnet werden.

Die weitergehende Aussage, dass eine Stufe aus gelebter Praxis und persönlicher Entwicklung wachsen sollte, ist meine Sichtweise auf diese Quellen.

Ich halte sie jedoch für eine sehr wichtige Sichtweise, weil sie für mich den ursprünglichen Gedanken der Reiki Ryōhō wieder stärker in den Mittelpunkt stellt:

Nicht möglichst schnell mehr lernen.
Sondern immer tiefer erfahren, was bereits da ist.

Fazit

Shoden war für mich noch nie nur die erste von mehreren technischen Ausbildungsstufen.

Die historische Überlieferung zeigt einen Weg, in dem Übung, Wahrnehmung, Behandlung sowie die Entwicklung von Geist und Körper miteinander verbunden sind.

Wie die einzelnen Stufen im Detail aufgebaut waren, können wir heute nicht mehr vollständig rekonstruieren.

Aber vielleicht müssen wir auch nicht jede Lücke mit einem modernen Lehrplan füllen.

Für mich liegt gerade darin eine wichtige Erkenntnis:

Eine Reiki-Ausbildung ist nicht dann tief, wenn sie möglichst viel Inhalt in möglichst kurzer Zeit vermittelt.

Sie ist tief, wenn das, was vermittelt wurde, im Menschen weiterarbeitet.

Wenn aus einer Übung Erfahrung wird.

Aus Erfahrung Wahrnehmung.

Aus Wahrnehmung Bewusstsein.

Und aus Bewusstsein eine andere Art, mit sich selbst und mit anderen Menschen zu sein.

Das kann man nicht an einem Wochenende abschließen.


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