Enkaku-Chiryo in Okuden
Enkaku-Chiryō wird heute meist mit „Fernbehandlung“ oder „Behandlung auf Distanz“ übersetzt. Der Begriff selbst gibt zunächst genau das her: Enkaku 遠隔 bedeutet entfernt oder auf Distanz, Chiryō 治療 bedeutet Behandlung.
Mehr lässt sich aus dem Begriff allein zunächst nicht ableiten.
Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Frage:
Was bedeutet „auf Distanz“?
Was ist eigentlich Distanz?
Wenn wir in der direkten Praxis eine Behandlung kennen, bei der die Hände unmittelbar auf dem Körper liegen, könnte Enkaku zunächst auch eine Behandlung beschreiben, bei der die Hände nicht auf dem Körper liegen, sondern einige Zentimeter darüber gehalten werden.
Auch das wäre eine Behandlung auf Distanz.
Der Körper wäre weiterhin unmittelbar anwesend. Nur die Berührung würde fehlen.
Aber vielleicht muss die Frage noch weitergehen.
Was ist, wenn der Körper zwar anwesend ist, der Mensch selbst aber nicht mehr auf dieselbe Weise erreichbar ist?
Ein Mensch im Koma ist körperlich da. Der Körper liegt vor uns. Der bewusste Kontakt, wie wir ihn aus einem Gespräch oder einer gewöhnlichen Begegnung kennen, ist jedoch nicht mehr gegeben.
Auch ein Mensch, der tief schläft, stark sediert ist oder sich in einem anderen Bewusstseinszustand befindet, ist auf eine andere Weise erreichbar als ein wacher Mensch.
Ist das bereits eine Form von Distanz?
Oder entsteht Distanz auch dort, wo ein Mensch körperlich anwesend ist, seine Aufmerksamkeit aber nicht mehr bei uns ist?
Dann wäre Enkaku nicht unbedingt eine Frage von Metern.
Vielleicht geht es um die Frage, wo und wie sich Begegnung überhaupt ereignet.
Eine Behandlung kann auf Distanz stattfinden, weil der Körper nicht berührt wird.
Sie kann auf Distanz stattfinden, weil der andere Mensch räumlich nicht anwesend ist.
Sie kann auf Distanz stattfinden, weil der andere nicht bewusst ansprechbar ist.
Sie kann auf Distanz stattfinden, weil eine unmittelbare Kommunikation nicht möglich ist.
Und vielleicht gibt es noch eine andere Form von Distanz: die innere Distanz zwischen zwei Menschen.
Ein Mensch kann neben mir sitzen und mir trotzdem vollkommen fern sein.
Und ein Mensch kann körperlich weit entfernt sein und mir gleichzeitig sehr gegenwärtig erscheinen.
Damit bekommt das Wort Enkaku für mich eine weitere Bedeutungsebene, ohne dass damit schon gesagt ist, wie Enkaku-Chiryō historisch verstanden wurde.
Vielleicht ist Distanz nicht nur eine Frage des Ortes. Vielleicht ist sie auch eine Frage der Beziehung und der Wahrnehmung.
Was wissen wir über Enkaku-Chiryō?
Gerade hier müssen wir zwischen dem Begriff und der späteren Praxis unterscheiden.
Im Hikkei finden wir keine ausführliche Beschreibung einer Methode, aus der sich eindeutig rekonstruieren ließe, wie Enkaku-Chiryō ursprünglich ausgeführt wurde.
Es gibt dort keine Anleitung, die erklärt, was bei einer Behandlung auf Distanz genau geschieht oder ob dabei überhaupt etwas im heutigen Sinn „gesendet“ wird.
Deshalb halte ich es für schwierig, die heutige Vorstellung von Fern-Reiki einfach in die frühe Reiki-Tradition zurückzulesen.
Der Begriff Enkaku-Chiryō sagt zunächst, dass eine Behandlung auf Distanz stattfindet.
Wie diese Distanz verstanden wurde und wie die Praxis tatsächlich ausgeführt wurde, ist eine andere Frage.
Hon Sha Ze Shō Nen
Besonders interessant wird diese Frage beim Hon Sha Ze Shō Nen.
In vielen westlichen Reiki-Systemen wird Hon Sha Ze Shō Nen als „Fernheilungssymbol“ bezeichnet. Diese Bezeichnung beschreibt eine Funktion, die das Zeichen innerhalb bestimmter Reiki-Linien erhalten hat.
Sie ist jedoch nicht einfach die wörtliche Bedeutung des Ausdrucks.
Die einzelnen Bestandteile werden häufig ungefähr so gelesen:
Hon – 本
Ursprung, Grundlage, das Eigentliche oder Wahre
Sha – 者
Mensch, Person oder Wesen
Ze – 是
dies, ist, genau dies
Shō – 正
richtig, aufrichtig, rechte Ausrichtung
Nen – 念
Geist, Aufmerksamkeit, Ausrichtung des Geistes
Die genaue sprachliche Deutung ist dabei nicht so eindeutig, wie manche heutigen Übersetzungen vermuten lassen. Je nach Zusammenhang und Lesart entstehen unterschiedliche Übersetzungen.
Interessant ist für mich jedoch etwas anderes:
Im Ausdruck selbst findet sich kein eindeutiger Begriff für räumliche Entfernung. Auch „Senden“ oder das Übertragen einer Energie ist dort nicht wörtlich enthalten.
Das Zeichen kann also innerhalb einer Reiki-Linie für eine Behandlung auf Distanz verwendet werden, ohne dass sein Name selbst „Fernbehandlung“ bedeutet.
Welche Distanz ist gemeint?
Vielleicht lohnt es sich deshalb, die Frage noch einmal ganz offen zu stellen.
Ist mit Enkaku eine räumliche Entfernung gemeint?
Oder die fehlende Berührung?
Oder eine Situation, in der der andere Mensch körperlich anwesend, aber nicht bewusst ansprechbar ist?
Oder eine Entfernung, die durch Sprache und Gespräch überbrückt wird?
Auch ein Gespräch kann eine Form von Praxis sein. Zwischen zwei Menschen findet dabei keine körperliche Berührung statt. Und trotzdem kann etwas geschehen: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung, Begegnung.
Vielleicht ist also nicht entscheidend, wie viele Meter zwischen zwei Menschen liegen.
Vielleicht ist entscheidender, welche Form von Beziehung und Wahrnehmung in diesem Moment möglich ist.
Das sind Fragen und mögliche Deutungen. Sie sind kein Beleg dafür, dass Enkaku-Chiryō historisch genau so verstanden wurde.
Für mich sind sie aber wichtig, weil sie zeigen, wie offen der Begriff „Distanz“ zunächst ist.
Kann Distanz auch zeitlich sein?
An diesem Punkt stellt sich für mich noch eine weitere Frage.
Wenn wir Hon Sha Ze Shō Nen nicht allein als „Fernheilungssymbol“ verstehen, muss Distanz dann überhaupt ausschließlich räumlich gedacht werden?
Ein Mensch aus der Vergangenheit kann in meiner Erinnerung gegenwärtig sein.
Ein Mensch, dem ich morgen begegnen werde, kann bereits heute Gegenstand meiner inneren Ausrichtung sein.
Und ein Mensch, der nicht mehr körperlich bei uns ist, kann in der eigenen Erfahrung weiterhin gegenwärtig sein.
Wenn Hon Sha Ze Shō Nen in manchen Überlieferungen mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbunden wird, eröffnet sich auch hier eine andere Betrachtung von Distanz.
Das ist keine historische Übersetzung des Symbols. Es ist eine Frage, die sich aus meiner eigenen Auseinandersetzung mit dem Ausdruck und meiner Praxis ergibt.
Was geschieht bei Enkaku-Chiryō?
Damit komme ich zu einer Frage, die für meine eigene Praxis wesentlich ist.
Wenn ich Enkaku-Chiryō praktiziere, gehe ich nicht davon aus, dass ich eine Energie oder eine andere Substanz über eine räumliche Entfernung zu einem anderen Menschen sende.
Für mich entsteht die Verbindung nicht dadurch, dass ich etwas von mir zu einem anderen Menschen hinübertrage.
Die Ausrichtung geschieht zunächst in mir.
Ich erinnere mich an den Menschen, richte meinen Geist aus und lasse Reiki in meiner eigenen Wahrnehmung gegenwärtig werden.
Dabei geht es für mich nicht darum, auf den anderen einzuwirken oder etwas in ihm zu verändern.
Ich versuche nicht, etwas zu schicken.
Ich versuche auch nicht, einen bestimmten Zustand beim anderen herzustellen.
Vielmehr entsteht in mir ein Raum der Erinnerung, der Verbundenheit und der eigenen Reiki-Erfahrung.
Keine Manipulation des anderen
Dieser Punkt ist mir besonders wichtig.
Wenn ich an einen anderen Menschen denke und Enkaku-Chiryō praktiziere, bedeutet das für mich nicht, dass ich in diesen Menschen eingreife.
Die spirituellen Bezüge, die für mich mit Reiki verbunden sind – Kraft, Geistigkeit, Kami, Erinnerung und die Erfahrung von Verbundenheit – werden nicht als etwas betrachtet, das ich dem anderen zuführe.
Sie kommen in meiner eigenen Wahrnehmung zusammen.
Ich richte mich aus.
Ich erinnere mich.
Ich lasse geschehen.
Die Bewegung findet in mir statt – nicht als Manipulation des anderen.
Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied zu der Vorstellung, eine bestimmte Energie gezielt über eine Entfernung zu einer anderen Person zu schicken.
Überlieferung und eigene Erfahrung
In Gesprächen mit Menschen aus unterschiedlichen Reiki-Linien bin ich auf sehr verschiedene Vorstellungen von Enkaku-Chiryō gestoßen.
Manche verstehen die Praxis stark technisch und arbeiten mit der Vorstellung, etwas zu senden.
Andere legen mehr Gewicht auf Bewusstsein, Verbundenheit und die eigene innere Ausrichtung.
Auch bei traditionell ausgerichteten Reiki-Praktizierenden habe ich unterschiedliche Erklärungen dazu kennengelernt.
Für mich zeigt das vor allem eines:
Enkaku-Chiryō wurde nicht in allen Linien auf dieselbe Weise verstanden.
Deshalb möchte ich auch hier unterscheiden zwischen dem, was wir schriftlich belegen können, dem, was innerhalb einer Linie überliefert wurde, und dem, was aus der eigenen Erfahrung heraus verstanden wird.
Meine Sichtweise
Ich verstehe und lehre Enkaku-Chiryō nicht als das Versenden einer Energie oder einer unerklärten Substanz über räumliche Entfernung.
Für mich steht die Bewusstseinserfahrung von Verbundenheit im Vordergrund.
Wenn ich mit einem Menschen in Enkaku-Chiryō gehe, geschieht für mich keine Übertragung von etwas, das ich besitze und an einen anderen weitergebe.
Kraft ist für mich nichts, was ich versenden muss.
Die Praxis beginnt mit der eigenen Ausrichtung.
Mit der Erinnerung an den Menschen.
Mit dem Bewusstsein, dass die Trennung, die wir räumlich wahrnehmen, nicht zwangsläufig die ganze Wirklichkeit unserer Erfahrung beschreibt.
Dabei geht es für mich nicht darum, dem anderen etwas vorzugeben. Ich behandle ihn nicht aus der Entfernung und versuche nicht, einen bestimmten Zustand zu erzeugen.
Ich richte mich aus und lasse Reiki in mir erfahrbar werden.
Vielleicht liegt genau darin für mich die tiefere Bedeutung von Enkaku-Chiryō:
Nicht etwas über eine Entfernung zu schicken, sondern die Erfahrung von Verbundenheit in sich selbst zuzulassen.
Die Technik gibt dafür eine Form.
Was in dieser Form erfahren wird, ist eine andere Ebene.nik ist für mich der Grundausrichtung nachgeordnet. Entscheidend ist zunächst, aus welchem Verständnis heraus gehandelt wird.