Enkaku-Chiryo in Okuden
„Enkaku“ bedeutet sinngemäß „entfernt“ oder „auf Distanz“. „Chiryo“ steht für Behandlung. Daraus kann man ableiten, dass es um eine Behandlung auf Distanz geht. Mehr lässt sich aus dem Begriff allein aber nicht sicher sagen.
Es wäre daher weit hergeholt, daraus direkt eine heutige Praxis abzuleiten, bei der die Hände den Körper gar nicht berühren. Im Hikkei wird nicht erklärt, wie diese Behandlung durchgeführt wurde, was dabei genau geschah oder ob überhaupt etwas im technischen Sinn „gesendet“ wurde. Der Begriff allein reicht deshalb nicht aus, um die heute bekannte Fern-Reiki-Praxis eindeutig zu belegen.
Das Hikkei und die Grenzen der schriftlichen Überlieferung
Das Reiki Ryōhō Hikkei enthält eine Einführung, Fragen und Antworten, Hinweise zur Behandlung sowie weitere überlieferte Texte. Es ist deshalb eine wichtige Quelle für die Beschäftigung mit der frühen Reiki-Tradition.
Usui äußert sich dort zu grundlegenden Fragen. Er beschreibt Reiki Ryōhō als eine Methode zur Entwicklung von Körper und Geist sowie als einen Weg, der dem eigenen Wohl und dem Wohl anderer dienen soll.
Für Enkaku-Chiryo finden wir jedoch keine einzige Vorgehensweise oder gar Anleitung, die alle späteren Formen des sogenannten „Sendens“ erklären würde. Aus dem bloßen Vorhandensein dieses Begriffs lässt sich daher nicht automatisch eine vollständige und überall gleich gelehrte Methode ableiten.
Hon Sha Ze Sho Nen
Besonders deutlich wird diese Unterscheidung beim Ausdruck Hon Sha Ze Sho Nen.
In vielen westlichen Reiki-Systemen wird Hon Sha Ze Sho Nen als „Fernheilungssymbol“ bezeichnet. Diese Bezeichnung beschreibt eine Funktion, die das Symbol in bestimmten Linien erhalten hat. Sie ist jedoch nicht ohne Weiteres die wörtliche Übersetzung des Ausdrucks.
Die Bestandteile werden häufig ungefähr folgendermaßen aufgegliedert:
- Hon: Ursprung, Grundlage, das Eigentliche oder das Wahre
- Sha: Mensch oder Wesen
- Ze: ist, genau dies oder Gleichsetzung
- Sho: richtig, aufrichtig oder rechte Ausrichtung
- Nen: Geist, Aufmerksamkeit, Gegenwärtigkeit oder Achtsamkeit
Eine mögliche Lesart verweist auf das ursprüngliche Wesen des Menschen und eine rechte, gegenwärtige Ausrichtung des Geistes. Andere Deutungen verbinden den Ausdruck mit dem Aufheben von Trennung oder mit der Erfahrung, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können.
Auffällig ist, dass sich im Wortlaut selbst kein eindeutiger Begriff findet, der „räumliche Distanz“ oder das praktizierende „Senden von Energie“ bezeichnet. Ein Symbol kann daher innerhalb einer bestimmten Linie für Fernbehandlung verwendet werden, ohne dass sein Name wörtlich „Fernbehandlung“ bedeutet.
Die Grundausrichtung ist entscheidender als die Technik
Die entscheidende Frage liegt deshalb nicht allein darin, mit welcher Technik Enkaku-Chiryo ausgeführt wird. Wichtiger ist die Grundausrichtung, aus der heraus die Praxis verstanden wird.
Wird angenommen, dass eine mystifizierte Substanz technisch über räumliche Entfernung gesendet wird?
Oder geht es um eine Bewusstseins- und Überlieferungsebene, in der die Erfahrung der Verbundenheit im Mittelpunkt steht?
In meinen Studien und Befragungen in verschiedenen Reiki-Stilrichtungen wurden mir Vorgehensweisen beschrieben, die stark technisiert und symbolorientiert waren. Andere Lehrer verstanden Enkaku-Chiryo eher aus einer traditionellen Bewusstseins- und Erfahrungsperspektive.
Auch innerhalb traditionell ausgerichteter Linien wurde der Begriff nicht völlig einheitlich erklärt. Nach meinen Gesprächen mit einem Mitglied der Usui Reiki Ryōhō Gakkai wurde selbst da Enkaku-Chiryo unterschiedlich beschrieben.
Der japanische Zeitgeist
Mikao Usui entwickelte und lehrte seine Methode im Japan der frühen 1920er Jahre. Das war eine Zeit, in der traditionelle religiöse Vorstellungen, buddhistische Übungswege, moderne Gesundheitsvorstellungen und neue Formen persönlicher Kultivierung nebeneinanderstanden und sich teilweise miteinander verbanden.
Eine heutige westliche Trennung in „Religion“, „Energiearbeit“ und „spirituelle Technik“ beschreibt diesen damaligen Zusammenhang nur unzureichend. Die Begriffe und Praktiken sollten deshalb innerhalb ihres historischen und kulturellen Umfelds betrachtet werden.
Kami und buddhistische Bezüge
Im Hikkei finden sich Formulierungen, die je nach Übersetzung mit göttlicher, himmlischer oder geistiger Kraft wiedergegeben werden. Je nach Übersetzung und Interpretation kann dabei auch der Begriff Kami eine Rolle spielen.
Kami bedeutet im japanischen Kontext nicht einfach dasselbe wie der monotheistische Begriff „Gott“. Kami kann sich auf eine Gottheit, eine geistige Wirklichkeit, eine besondere Wirkkraft oder auf etwas beziehen, das als außergewöhnlich und verehrungswürdig erfahren wird.
Auch die Beziehung zwischen Shintō und Buddhismus war in Japan historisch komplex. Über viele Jahrhunderte wurden buddhistische und kami-bezogene Vorstellungen nicht strikt voneinander getrennt.
Das bedeutet nicht, dass Reiki einfach mit Shintō oder Buddhismus gleichgesetzt werden kann. Es bedeutet jedoch, dass Begriffe wie Geist, Himmel, Kami, Erwachen, Übung und innere Kultivierung in ihrem japanischen Zeit- und Denkhorizont gelesen werden sollten.
Was lässt sich unterscheiden?
Für ein verantwortungsvolles Verständnis von Enkaku-Chiryo sollten mehrere Ebenen voneinander unterschieden werden:
- Was ist schriftlich belegt?
- Was wurde innerhalb einer Linie mündlich überliefert?
- Was ist eine spätere technische Auslegung?
- Was beruht auf eigener Erfahrung und Interpretation?
- Welche Grundausrichtung steht hinter der jeweiligen Praxis?
Diese Unterscheidung verhindert, dass spätere technische Formen automatisch als ursprüngliche und allgemeingültige Bestandteile der frühen Reiki-Tradition dargestellt werden.
Meine Sichtweise
Die folgenden Aussagen kennzeichnen ausdrücklich meine persönliche Sichtweise und nicht eine allgemein verbindliche Erklärung aller Reiki-Linien:
Nach meiner Bewusstseinserfahrung und Überlieferung verstehe, praktiziere und lehre ich Enkaku-Chiryo nicht als das Versenden einer „Energie“, oder einer unerklärten Substanz über räumliche Entfernung. Für mich steht die Bewusstseinserfahrung der Verbundenheit im Vordergrund.
In meinen eigenen Studien und Gesprächen mit Menschen aus unterschiedlichen Reiki-Stilrichtungen bin ich auf verschiedene Erklärungen und Praktiken gestoßen. Dabei konnte ich zwei grundlegende Wege unterscheiden:
Der erste versteht Enkaku-Chiryo als technisches Senden von etwas, dessen Wesen nicht näher erklärt wird.
Der zweite orientiert sich stärker an Überlieferung, Bewusstseinserfahrung und der Erfahrung des Einsseins mit allem.
Meine eigene Ausrichtung folgt diesem zweiten Verständnis. Die Technik ist für mich der Grundausrichtung nachgeordnet. Entscheidend ist zunächst, aus welchem Verständnis heraus gehandelt wird.